Ich, gegen mich selbst.

Beim CrossFit ist es üblich, dass jeder Athlet das gleiche Training absolviert. Dieses kann ich mir leider nicht aussuchen, sondern bekomme es erst am jeweiligen Tag „präsentiert“. Ich lese das „Workout of the Day“ also vorher auf meinem Smartphone und bekomme direkt schwitzige Hände. „Nicht gerade meine Parade-Disziplin heute…“, „hoffentlich komme ich da heil durch…“, „ohje das wird mir unendlich lang und qualvoll vorkommen…“, „ich werde mich fühlen wie auf dem heißen Stuhl…“, „hoffentlich muss ich mich nicht übergeben…“, „bestimmt sind alle Anderen besser als ich“ sind typische Gedanken, die mir sofort durch den Kopf schießen. Ich hadere mit mir: „Soll ich wirklich hingehen oder das Training heute einfach mal ausfallen lassen…“. Kann ich nicht machen. Immerhin sind Leute dort, die auf mich warten und die sich ebenfalls dem Workout stellen. Also gehe ich hin. Jeden Tag aufs Neue.

Die Zeit vor dem Workout ist die schlimmste. Man steht vor der Halle, beobachtet die Athleten (beim CrossFit darf sich jeder Athlet nennen) die sich in der Klasse vorher quälen und kämpft mit der Übelkeit, die aus der Nervosität resultiert. Die restliche Gruppe spornt aber an. Jeder ist hoch fokussiert und nur auf sich selbst konzentriert. Es geht los. In den letzten drei Sekunden tippelt auch der Letzte nervös auf seinen Fußspitzen – 3-2-1-GO – das Workout beginnt. Man möchte meinen, das sei der Startschuss für eine „Jeder gegen Jeden“-Mentalität. Aber so etwas gibt es beim CrossFit nicht. Jeder kämpft gegen sich selbst, gegen den eigenen Schweinehund, gegen die eigene Stimme im Kopf, die hinschmeißen und aufgeben will, die zwischenzeitlich den Sinn hinter all dem nicht mehr sieht. Doch in jedem Workout findet man diesen einen Punkt in sich, an dem es immer noch ein kleines Stückchen weiter geht. Und noch ein Stückchen. Bis man plötzlich an dem Punkt angelangt ist, an dem man – einfach so – über sich hinausgewachsen ist. Und auf einmal geht alles ganz einfach. Es werden Kräfte mobilisiert, die man vorher selbst nicht einmal kannte.

Nach dem Workout ist man einfach nur noch glücklich und stolz. Man klatscht sich mit jedem anderen Athleten ab und ist auf jeden stolz, der es ebenfalls durchgezogen hat. Egal in welchem Umfang oder mit welcher Intensität, aber jeder hat für sich selbst das Beste gegeben und das ist allein das, was zählt. Im CrossFit wie auch im restlichen Leben. Und warum ist das so? Weil wir gelernt haben stolz auf das zu sein, was wir im Stande sind zu leisten. Und, weil wir lieben, was wir tun.

Ich bin in meinem Leben leider noch nicht in den Genuss gekommen eine live-Sendung im Radio zu moderieren – schade eigentlich – ich kann mir aber vorstellen, dass das „on air“-Rotlicht einen ähnlichen Effekt haben muss wie mein „3-2-1-Go“ beim CrossFit. Der Moderator steht in den „Startlöchern“, hat evtl. auch schwitzige Hände und kann es nicht abwarten, endlich „loszulegen“. Während der Sendung befindet er sich fast wie in einem Tunnel. Nur er, sein Team und sein Mikro. Für die Welt da draußen. Jeden Tag aufs Neue. Weil er liebt was er tut. Und hier ist Ihre Parallele: wer Herzblut und harte Arbeit in „sein Werk“, „seine Show“ packt, der wird völlig mühelos an diesen einen Punkt gelangen, an dem er plötzlich – einfach so – über sich hinausgewachsen ist.

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