Neue Nachrichten von gestern!

Das ist ziemlich genau das Bild, das ich als kleiner Junge in den 70ern im Kopf hatte.

Heute, nach 25 Jahren, die ich inzwischen selbst beim Radio gearbeitet habe, weiß ich es natürlich besser: Niemand hat einen Anzug im Studio an und erst recht keine Krawatte. Es ist alles gar nicht so spießig und dröge in den Radio-Studios. Und es ist auch nicht ehrfürchtig: Hinter den Kulissen ist es sogar richtig locker. Die Kollegen in den Newsredaktionen sind alles andere als spießig – die meisten sind ziemlich cool, manche sind etwas schräg, andere sind sehr lustig, und einige sind ganz tolle Geschichtenerzähler, mit denen man gerne abends ein, zwei oder zehn Bierchen trinken geht.
Aber all diese Typen hören wir nicht, wenn wir unsere Radios einschalten. Wir hören immer noch den Nachrichtensprecher oder die Nachrichtensprecherin von damals in den 70ern als die virtuellen Krawattenträger dem Volke noch verkündet haben, was wichtig für uns ist und uns bitteschön auch interessiert.

Okay, ein bisschen moderner geht es bei der einen oder anderen Station heute schon zu. Mag sein, aber die Nachrichten, die es ins Programm schaffen, sind viel zu häufig vollgestopft mit all dem, was sie zu allem möglichen macht, aber nicht zu gesprochener Alltags-Sprache.

Ja, ernsthaft. Ich sitze regelmäßig als aufmerksamer Zuhörer von Nachrichtensendungen da und verstehe nicht, worum es geht. Manchmal erschließt sich der Sinn einfach nicht. Schade!
Ein anderes Mal verstehe ich den Sinn, aber frage mich, was interessant sein soll. Ärgerlich!

Oder ich komme durcheinander, weil die Meldung mit überflüssigen Synonymen vollgestopft worden ist. Was? Wer? Egal, ist ja gleich vorbei!

Mit gesprochener Alltags-Sprache hat das häufig wenig oder auch gar nichts zu tun. Da wird irgendwelches Behördengequatsche aus der Pressemitteilung abgeschrieben und zu einem abgehobenen und unverständlichen Text zusammengezimmert, der später beim Vorlesen wie eine Nachrichtenmeldung klingt, aber wirklich nur so klingt, als wäre es für irgendwen relevant. Mehr auch nicht! Wäre nur als Abschaltfaktor zu gebrauchen.

Ein anderes Mal wird schnell aus der Agenturmeldung rüberkopiert, gern auch mal sogar ohne Zeitbezüge zu korrigieren. Mehr als einmal habe ich in Feedback-Gesprächen von Nachrichten-Redakteuren gehört: “Die Agentur hat das so toll zusammengefasst, das fand ich perfekt.” Ja, die Agenturen fassen vieles wirklich toll zusammen. Für Redakteure, vielleicht noch für Zeitungsleser, aber doch nicht für Radio-Hörer.

Die Agentur-Texte sind eine tolle Arbeits-Grundlage für all die Kollegen in den Redaktionen überall in Deutschland. Aber wir sollten von unseren Agenturen doch nicht erwarten, dass sie uns schon unsere Geschichten sendefertig liefern. Das gilt auch dann, wenn über der Agentur-Meldung vermerkt ist, sie sei für den Hörfunk gedacht.
Schon bei den Nachrichtentexten fehlt es an Eigenleistung. Es liest sich total seriös, ja auch ein bisschen abgehoben. Aber, das war es dann auch schon!

Nach der redaktionellen Arbeit geht es ins Studio und dann wird vorgelesen, was wir so geschrieben haben. Sorry, wir lesen natürlich nicht vor, sondern wir “präsentieren”. Egal, wie wir es nennen. Es hört sich zu oft einfach nicht gut an, was wir präsentieren. Wie denn auch? Wie soll denn ein schriftsprachlicher Text, der eher an eine Pressemitteilung erinnert, auch vernünftig präsentiert werden? Ja, ein ausgebildeter Sprecher kann das alles schön klingen lassen. Aber, verständlicher wird es dadurch auch nicht.

Und solche Nachrichtensendungen leisten wir uns heute immer noch und erwarten nach wie vor, dass uns die Menschen zuhören, wie wir Ihnen nichts sagen, aber das schön arrogant verpacken.

Wir können es uns aber nicht mehr erlauben: Die reine Information in Form von kurzen (Agentur-) Meldungen bekomme ich auf meinem Smartphone schneller und besser und vor allem, wann immer ich will.
Es gibt aber auch den Ausschlag in die andere Richtung. Einige Programm-Direktoren haben erkannt, dass die News in ihren Sendern lange nicht mehr zeitgemäß waren.

Und dann ging es zur Sache. So oder so ähnlich lauten die Vorgaben in einigen Redaktionen. “Wir senden nur positive Nachrichten (außer bei Terror)!”, der Hörer will sich ja von uns nicht seinen Tag versauen lassen. Bei Terror machen wir es dann aber gleich “ganz groß” mit einer Verpackung, die allein schon Panik verbreitet.

“Alle Aufsager unterlegen wir mit Atmo”, dann denkt der Hörer, wir wären da gewesen. “Bitte nur im Präsens, dann fühlt es sich aktueller an!”, dann denkt der Hörer er sei quasi live dabei! “Bitte viele O-Töne einsetzen, sonst ist es zu monoton.”, der Hörer will ja nicht von unseren Sprechern gelangweilt werden. “Bitte bei den Reportern nur ‘bunte’ Geschichten bestellen!”, der Hörer will ja hören, wie schön es in seiner Region ist.

Woran liegt es, dass die Hörfunk-Nachrichten sich nicht entwickelt haben? Warum senden manche Sender statt Nachrichten seit Jahren nur noch nette, bunte Geschichten freundlich verpackt?
Wir Nachrichtenredakteure, Nachrichtenchefs und Nachrichtentrainer haben es selbst zu verantworten.

Jahrzehntelang haben wir in unseren Redaktionen fast ausschließlich über technische Fragen diskutiert. Wie viele Wörter darf ein Leadsatz haben? Wo wird die Quelle zitiert? Wie lang darf eine Meldung sein? Welche Nachrichtenfaktoren müssen zusammenkommen, damit wir etwas melden? Welche Zeitform ist an welcher Stelle in der Meldung einzusetzen?

Ja, ich bin da keine Ausnahme gewesen. In den ersten Jahren als Trainer und Nachrichtenchef habe ich auch daran geglaubt, dass detaillierte Vorgaben zu besseren Texten führen. Einige Vorgaben fand ich schon immer schrecklich, vor allem weil mir keiner wirklich erklären oder gar beweisen konnte, dass sie sinnvoll sind. Andere habe ich aus Überzeugung vertreten, würde das an einer der einen oder anderen Stelle auch heute noch tun. Aber die entscheidende Frage ist doch: Haben all die Nachrichtentheorien, all die technischen Vorgaben zu besseren Nachrichtenmeldungen geführt? Nein, ganz sicher nicht.
Wir haben vergessen, wie das Geschichtenerzählen im normalen Alltag wirklich funktioniert!

Wir haben ignoriert, dass viele der Vorgaben, die wir gemacht haben, fast in jeder Sendung zu irgendwelchen Unstimmigkeiten führen.
Wir haben nicht zugelassen, dass die Persönlichkeiten unserer Redakteure eine Rolle spielen. Wir haben akzeptiert, dass unsere Meldungen eine Vielzahl unserer Hörer nicht erreichen.

Lasst uns das ändern! Lasst uns einen Ansatz wählen, mit dem wir wirklich weiterkommen. Klare einfache Grundsätze sollten gelten, damit wir in unseren Nachrichtensendungen nicht als Vorleser gelten.
Aber haben wir uns ernsthaft mal überlegt, wie es wäre, wenn wir einfach anfangen würden unsere Nachrichtenredakteure mit Geschichten auf die Antenne zu lassen?

Wie wäre es, wenn wir all diese technischen Fragen über Bord werfen würden? Wir könnten Regeln aufstellen, die wirklich sinnvoll sind.
Sei seriös, aber nicht langweilig. Sei authentisch, aber nicht affektiert! Sei der Moderator der ganzen Sendung, aber sei nicht der Mittelpunkt. Es ist völlig okay, wenn Du anders klingst als die anderen Kollegen! Es wäre sogar toll!

Versuche mir die Geschichte wirklich nahe zu bringen!
Jetzt sofort! Wir könnten anfangen, Geschichten zu erzählen.
Welchen Grund also wollen wir unseren Hörern geben, bei uns einzuschalten?

Was können wir NUR im Radio bieten?

Wo sind die Persönlichkeiten, die im Hörfunk die Nachrichten auf den aktuellen Stand bringen?

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