Als ich den Airbus A321 betrat, wusste ich, dass dieser Flug anders sein würde als die meisten meiner bisherigen Flüge. Doch ich hatte nicht erwartet, dass er sich so sehr von allen anderen Flügen unterscheiden sollte.

Was ich erwartet hatte war klar, schließlich waren die Wettervorhersagen eindeutig: ein ordentliches Gerumpel, mit dem einen oder anderen veritablen Luftloch und all dem, was dazu gehört, zu einem Flug bei stürmischem Wind. Alles in allem war ich also vorbereitet auf eine weitere Geschichte, mit denen wir „lässigen Vielflieger“ unseren Freunden, die nur einmal im Jahr in Urlaub fliegen und „ehrlich gesagt auch immer ein bisschen Flugangst“ haben, bei einem Glas Wein respektvolle „Ohs“ und „Ahs“ bis hin zu einem ehrfürchtigen „dass Du da so ruhig bleiben kannst“ entlocken.

Exakt so sollte es dann auch kommen, weswegen ich meinen Sicherheitsgurt um einiges fester zog als das übliche „locker geschlossen halten“, was normalerweise genügt, um der Aufforderung der Flugbegleiter Folge zu leisten, „sich anzuschnallen, wann immer Sie Ihren Sitzplatz einnehmen“.

Dass dieser Flug von Berlin-Tegel nach München sich von den meisten anderen Flügen, die ich bisher miterlebt habe, so deutlich unterscheiden sollte, lag aber nicht vordergründig an den Turbulenzen, obwohl glücklicherweise die meisten Flüge deutlich ruhiger ablaufen. Was, oder besser gesagt wer, diesen Flug so einzigartig machte, war Tanja Hess.

Tanja Hess war die Purserette an diesem Dienstagnachmittag – die Chefin des Kabinenpersonals. Schon bei den üblichen Ansagen vor Beginn des Fluges musste ich aufhorchen. Statt des vertrauten Singsangs – „SolltederDruckinderKabinesinkenfallenautomatisch-
SauerstoffmaskenausderKabinendeckeIndiesemFallziehenSieeinederMaskenganzzusichheran…“ – hatte ich tatsächlich das Gefühl als spreche ein Mensch zu und mit mir.

Zum ersten Mal seit langem hatte ich das Gefühl, dass die Person, die die Ansagen vorträgt, tatsächlich möchte, dass auch jemand zuhört und – noch besser – diese Ansagen auch versteht. Ein schönes Gefühl, in so einem Flugzeug nicht als Teil einer undefinierbaren, wabernden Masse aus 200 Passagieren wahrgenommen, sondern als Individuum erkannt und angesprochen zu werden.

Als ich einige Zeit später von meinem Sicherheitsgurt daran gehindert wurde, im Schlaf gegen die Luftdüsen über meinem Kopf zu knallen und mir den C4 (das ist der vierte Halswirbel) zumindest unschön zu stauchen, schlug die große Stunde von Tanja Hess.

Das heftige Luftloch hatte bei einigen Passagieren für eine gewisse Unruhe gesorgt, was sich auch in einer weniger vorteilhaften Gesichtsfarbe ablesen ließ. Für Tanja Hess jedenfalls Grund genug, noch einmal zum Telefonhörer (das Lufthansa-Äquivalent zum Mikrophon) zu greifen.

Sie sprach ruhig, ehrlich und warm mit ihren Fluggästen: Dass wir ja alle merkten, dass es gerade etwas unruhig sei. Und dass wir uns keine Sorgen machen sollten. Und falls wir so etwas noch nie erlebt hätten, wir jetzt möglicherweise etwas beunruhigt seien, aber dass wirklich alles in Ordnung sei und wir ihr vertrauen könnten, schließlich mache sie das jeden Tag.

Ich lauschte. Beeindruckt. Das hatte ich so noch nie gehört. Doch Tanja Hess war noch nicht fertig. Sie bat uns, bitte unseren Sicherheitsgurt ordentlich festzuziehen, denn wir wollten doch alle sicher ankommen. Und es seien ja auch Kinder an Bord und dass dort die Erwachsenen bitte noch einmal nachschauten, dass diese wirklich gut angeschnallt seien.

Als Tanja Hess sprach, war fast zu greifen, wie sich die Anspannung im Flugzeug etwas löste. Sie sprach mit ihren Gästen, beruhigte sie, zeigte Einfühlungsvermögen und vor allem meinte sie wirklich, was sie sagte. All das, obwohl sie diesen Job schon eine ganze Weile macht und immer und immer wieder dieselben Ansagen vorzulesen hat. Unruhige Flüge wie dieser hier kommen zwar nicht täglich vor, doch außergewöhnlich sind sie für eine Purserette nun wahrlich nicht.

Als wir nach einer guten Stunde wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, war ich der letzte, der sich durch den schmalen Mittelgang des A321 in Richtung Ausgang bewegte – direkt auf Tanja Hess zu. Diese wirklich fühlbare, authentische Sorge um uns und unser Wohlergehen, als es etwas unruhig wurde, war beeindruckend gewesen. Doch selbst die langweiligen Standardansagen hatten bei Tanja Hess nicht abgespult geklungen. Ich fragte sie, wie sie das machte? Wie es ihr gelänge, so nahe an ihren Fluggästen zu sein?

„Wissen Sie“, sagt sie, „ich mache das ja jeden Tag. Aber meine Fluggäste ja nicht. Für die ist das vielleicht alles neu.“

Ich bedankte mich bei ihr für den Flug, ihre Ansagen und die Inspiration, die ich mitgenommen hatte. Während ich die Gangway hinauf ging, dachte ich an Hörer, die die Major-Promotion noch nicht kennen, obwohl wir sie jeden Tag „ansagen“. Ich dachte an Hörer, die die Mitglieder des Morgenteams noch nicht kennen, obwohl diese doch schon „so lange“ on-air sind. Und ich dachte an Hörer, die nicht wissen, welchen Mix aus Songs dieser Sender jeden Tag anbietet, obwohl wir das doch „dauernd sagen“.

Und ich dachte noch einmal an Tanja Hess, die das, was sie macht, jeden Tag macht – aber ihre Fluggäste ja nicht.

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