Wenn mein Vater wüsste, dass er mal für einen Artikel über „Empathie“ Pate stehen würde.

Zusammen mit Wayne Gretzky!
Wayne Wer?

Auf die Gefahr hin, zu langweilen, aber so viel Zeit muss sein: Gretzky ist der größte Eishockeyspieler aller Zeiten. Er hat seine Sportart dominiert und verändert wie niemand sonst in irgendeiner Sportart es je getan hat. Michael Jordan, Steffi Graf, Lionel Messi – ja, die (können) konnten was. Aber Gretzky? Andere Liga.
Und dann ist da Paul Hördt, mein Vater. Noch mal eine ganz andere Liga!

Aber der Reihe nach: Als heranwachsender, Eishockey spielender junger Kerl, versuchte ich ständig, irgendwie an Informationen aus der NHL (National Hockey League in Canada und USA) zu kommen. Die beste Liga der Welt. Es gab kein Internet, und kein Fernsehsender hat je etwas übertragen. Ich bestellte mir über komplizierte Wege Bücher und Videos aus den USA – für ein Heidengeld.

Immer wieder, wenn ich abends oder nachts spät nach Hause kam, fand ich einen Zettel: „Ich hab‘ Dir was aufgenommen“. Mein Vater hatte immer eine VHS-Kassette (ja, ist schon ´ne Weile her) startbereit im VHS-Rekorder, und wenn dann z.B. im Aktuellen Sportstudio etwas kam, von dem er glaubte, es könnte mich interessieren, hat er schnell auf „Record“ gedrückt.

So war es auch an einem Samstagabend irgendwann in den 80ern. Marcel Reif – damals noch beim ZDF – hatte eine kleine Doku gedreht, über eben jenen Wayne Gretzky. Mein Vater hatte sie aufgenommen – Ich habe sie noch heute, gebrannt auf DVD.
Meinem Vater war Gretzky – schlimm genug (!) – völlig egal! Und trotzdem hat er auf „Record“ gedrückt. Aber warum?
Ganz einfach: er wusste, dass es MIR nicht egal war! Und wie das so ist mit Eltern: ihre Kinder sind ihnen eben nicht egal.

Und schon sind wir bei Veranstaltungstipps, Wetter, Verkehr und allen anderen Inhalten, die wir Radiomacher täglich präsentieren. Vieles davon ist auch uns oft ziemlich egal. Das liegt in der Natur der Sache. Der Stau – wir stehen nicht drin. Das Wetter – wir sind eh bis abends im Sender. Die V-Tipps – wir gehen weder in das „kleine Theaterstück“ noch zu dem „Beachvolleyball-Turnier mit faszinierendem Sport und guter Stimmung“. Und das Interview zum Thema „Moderne Schule“, was am Nachmittag laufen soll? – Wir haben möglicherweise noch nicht mal Kinder.

Immer wieder werden wir mit Inhalten konfrontiert und sollen diese präsentieren, die für uns selbst keinerlei Relevanz haben oder die wir persönlich einfach nicht spannend finden. Manchmal klingt das dann auch so. Leider.

Dabei tragen wir alle diese Empathie ganz selbstverständlich in uns: Wir schicken Freunde zu dem „neuen Italiener“, weil der so eine sensationelle „Dorade in Salzkruste“ macht – selbst wenn wir persönlich lieber Nudeln essen. Wir „warnen“ eine Freundin vor dem Stau wegen der neuen Baustelle, weil wir wissen, dass sie morgen dort lang muss – wir aber ja nicht. Oder wir machen den einzigen Fan der „Habsburger Dynastie“, den wir kennen, auf die „tolle Doku“ aufmerksam von der wir zufällig gehört haben – obwohl wir selbst nicht im Traum daran denken würden, diese anzusehen.

Warum wir das tun? Ganz einfach: weil wir wissen, dass es unseren Freunden nicht egal ist. Und wie das so ist mit Freunden: unsere Freunde sind uns eben auch nicht egal.

Was uns bei unseren Freunden so selbstverständlich gelingt, fällt uns mit unseren Hörern oft nicht so leicht: uns hineinzuversetzen in ihre Vorlieben, Leidenschaften, Tagesabläufe und Lebenswelten, auch wenn sie so gar nicht den unseren entsprechen.

Falls es uns aber doch gelingt, dann fühlt sich unser Content anders an, selbst wenn wir fast dasselbe sagen. Dann sind wir echter, näher dran, verbindlicher.
Jemandem etwas „ans Herz legen“ – was für eine schöne Formulierung die deutsche Sprache dafür hat. Das können dann übrigens auch jene Hörer spüren, die nie daran gedacht hätten, mal zu einem Beachvolleyball-Turnier zu gehen und die jetzt vielleicht ein leises „warum-eigentlich-nicht?“ murmeln.

Was bedeutet eigentlich „Empathie“ abseits der wissenschaftlichen Definition? Content behandeln wie Paul Hördt: mit dem Finger auf dem Record-Button des VHS-Rekorders.

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