Pyramiden-Modell:
Fürs Hören nicht geeignet

Das Pyramiden-Modell schreibt sehr konkret vor, wie eine Meldung aufgebaut werden soll. Die wichtigsten und neuesten Informationen einer Nachricht stehen ganz am Anfang. Gleich zu Beginn sollen die wichtigsten “W-Fragen” beantwortet werden: “Wer macht was und wo und wann”. Es folgt die Quellen-Angabe. Und danach geht es um Einzelheiten, Hintergründe und Zukunftsaspekte.

Sehr starre Vorgaben also, die beim Schreiben durchaus helfen: Wird die Meldung zu lang, dann wird hinten gestrichen. Die wichtigsten Informationen sind trotzdem noch drin, denn sie stehen ja ganz vorn.
Für den Hörer einer Nachrichtensendung aber wird das Pyramiden-Modell schnell zum Problem. Das ist auch nicht verwunderlich, denn der Hörer wird mit Informationen gleich zu Beginn einer Meldung überfallen und überhäuft.

Mit anderen Worten: Für’s Hören ist das Modell nicht geeignet.
Nehmen wir doch unseren Alltag zur Grundlage für den Aufbau unserer Meldungen.

Erzählen wie im Alltag

Wie erzählen wir Geschichten und Neuigkeiten seit Jahrhunderten? Nicht nach dem Pyramiden-Modell, das ist sicher. Wir von BCI setzen der Pyramide das Modell des “ursprünglichen Erzählens” entgegen. “Native Storytelling” nennen wir unseren Ansatz, der sich an der Alltagssprache und am intuitiven Erzählen orientiert.

Das Modell ist sehr einfach und stellt das Hören einer Nachricht in den Vordergrund, nicht das Schreiben einer Nachricht.

Wir haben uns diesen Ansatz im Alltag abgeguckt:
Wie erzählen wir unseren Freunden oder unserer Familie eine Neuigkeit? Wir gehen intuitiv vor und machen uns keine großen Gedanken: Ganz automatisch, ohne viel nachdenken zu müssen, bauen wir unsere Geschichte – unsere Neuigkeit so auf, dass unsere Zuhörer sie sofort nachvollziehen können.

Vier Herangehensweisen

Vier grundsätzliche Herangehensweisen haben wir gefunden, die alle gleichermaßen ihre Berechtigung haben.

1. Herleitender Einstieg
Wir fangen nicht mit der eigentlichen Neuigkeit an, sondern rufen erst einmal in Erinnerung, worum es geht:
“Ihr wisst doch noch, vor einem halben Jahr ist der Supermarkt überfallen worden. Jetzt ist der Mann gefasst worden, der damals das ganze Geld gestohlen haben soll.”
Hier steht nicht die Neuigkeit vorn, sondern wir machen erst einmal klar, worum es geht. Der entscheidende Vorteil ist, dass wir keinen unserer Zuhörer die neue Information hinwerfen oder in einen komplizierten Satzbau verpacken.

In einer Hörfunknachricht könnte das so klingen:
“Vor einem halben Jahr ist der Supermarkt auf der x-Straße überfallen worden. Vor wenigen Stunden ist ein Verdächtiger gefasst worden. Der Mann soll damals die Angestellten gezwungen haben, ihm das ganze Geld aus den Kassen zu geben.”

2. Zusammenfassender Einstieg
Auch das benutzen wir ganz häufig im Alltag. Dieser Ansatz ähnelt einem einfachen Leadsatz, der aber noch nicht konkret wird. Wir machen erst einmal eine Dimension klar, bevor es dann konkret wird.

Beispiele aus dem Alltag:
“Ich hatte echt ein anstrengenden Tag im Büro”
“Meine Chef ist mir auf die Nerven gegangen.”

Beispiele aus den Nachrichten:
“Bundeskanzlerin Merkel steht vor schwierigen Verhandlungen.”
“Die Nationalelf hat es mit einem leichten Gegner zu tun.”
“Die Deutsche Bahn hat enorme Probleme.”

Diesen Ansatz verwenden wir im Alltag, wenn wir davon ausgehen, dass jeder unserer Zuhörer, die wesentlichen Hintergründe und die Vorgeschichte kennt.

3. Faktischer Einstieg
Das ist der Ansatz, den wir aus den Nachrichtenredaktionen kennen. Es ist und bleibt der richtige Einstieg, wenn die Fakten deutlich zu formulieren und zu verstehen sind. Auch das ist aus dem Alltag abgeguckt: Wenn eine Neuigkeit jedem unserer Zuhörer sofort klar wird, dann müssen wir nicht drumherum reden.

Alltag:
“Ich bekomme ab sofort mehr Geld.”
“Mein Auto muss in die Werkstatt.”

Nachrichten:
“Bundeskanzlerin Merkel wird zurücktreten”
“Die Koalitionsverhandlungen sind gescheitert.”

Der faktische Einstieg hat also immer noch seine Berechtigung. Es gibt keinen Grund, bei einfachen und klaren Aussagen herumzureden.

4. Narrativer Einstieg
Dieser Einstieg ist der ungewöhnlichste Ansatz beim Schreiben einer Nachricht, kann aber durchaus passend sein. Wir gehen hier chronologisch vor und folgen beispielsweise einer handelnden Person.

Alltag:
“Ich bin heute früh ins Büro gekommen, da war mein Chef schon da und hat auf mich gewartet. Wir sind dann einen Kaffee trinken gegangen. Erst haben wir uns ganz privat unterhalten, dann aber hat er mir gesagt, dass er mich befördern will. Ich war völlig überrascht….”

Nachricht:
“Bundeskanzlerin Merkel ist in Brüssel von einem Sitzungssaal in den nächsten gegangen. In jedem Raum hatte sie es mit einem anderen Präsidenten oder Regierungschef der EU zu tun. Jedes dieser Treffen hat mindestens eine Stunde gedauert. Merkel hat versucht, sie alle von ihren Reformplänen zu überzeugen.
Seit heute früh steht fest, sie hat es geschafft.”

Dieser narrative Ansatz ist sicher nicht ideal für eine kurze Nachrichtenausgabe am Morgen. Wenn aber Zeit ist, dann kann dieses Stilmittel ein sehr guter Ansatz sein, um mehr zu transportieren als Information.

Das also sind die vier Ansätze des “Native Storytelling”. Immer steht der Zuhörer im Mittelpunkt, nie geht es um den technischen Aufbau einer Meldung.

Nicht zu jeder Meldung passt jeder Ansatz. Und genau das ist auch okay so. Es geht immer nur um eine einzige Frage:
Wie würde ich die Neuigkeit erzählen, wenn ich heute Abend meine Familie oder meine Freunde treffe?

Wir machen es im Alltag sehr häufig richtig, dann sollten wir uns von Pyramiden nicht dazu zwingen lassen, unverständliche und komplizierte Nachrichtenmeldungen zu schreiben.

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