Orlando, Florida. 35 Grad Celsius, im August über 80% Luftfeuchtigkeit, jeden Nachmittag ein infernaler Wolkenbruch: ein Klima wie im Tropenhaus. Alligatoren, Waschbären und Klapperschlangen tummeln sich in freier Wildbahn am hoteleigenen (!) Naturlehrpfad. Wie so oft in den USA ist auch hier alles viel größer.

Die offiziell 3000 Teilnehmer der größten Podcast-Konferenz der Welt „Podcast Movement 2019“ werden in gerade mal einem der insgesamt drei Veranstaltungsflügel des Rosen Creek Shingle Hotels gut versorgt: Bis zu 13 Tracks gleichzeitig machen die Auswahl schwer, die Event-App platzt geradezu vor spannenden Themen.
Erste Erkenntnis: Hier muss man sich nicht für eine, sondern gegen ein paar andere Sessions entscheiden, die leider parallel laufen.

 

 

Nichts bildet wirklich alle Facetten dieses neuen Mediums so rundherum ab wie „Podcast Movement“. Hier sind sie alle: Vom Mikrofonhersteller bis zum Marketing-Guru, von der superprofessionellen Branded-Podcast-Produktions-Firma bis zum Tech-StartUp, das den Sound optimiert. Und natürlich Google, Spotify, Libsyn, Adswizz & Co. Hier präsentieren die relevantesten Researcher ihre neuesten Erkenntnisse auf der Hauptbühne vor über tausend Leuten. Und hier darf der Macher eines Podcasts über Klimaanlagentechnik einem begeisterten Publikum etwas über erfolgreiches Bespielen von Nischen erzählen. Richtig gelesen: Ein Podcast über Klimaanlagentechnik, für Klimaanlagentechniker. Vielleicht der einzige weltweit, aber der Mann verdient „monatlich vierstellig“ damit.

Vom blutigen Anfänger bis zum hochgerüsteten Studio, von der kleinen Kreativbude bis zum knallharten Vermarktungsprofi: Hier finden sie alle was sie suchen. Schnell wird deutlich, was man sich schon dachte: Die USA sind den Deutschen gefühlt mindestens drei Jahre voraus. Eine Reichweitenwährung beginnt sich durchzusetzen, die klassische Werbevermarktung nimmt Fahrt auf (erwartet werden 1 Mrd. US$ Umsatz in 2021) und die ersten Top-Podcasts werden von Netflix und anderen zu TV-Shows adaptiert. Natürlich gibt’s bei „Podcast Movement“ auch dazu ein Panel: Wie Du Deinen Podcast nach Hollywood bringst.
Ob Europa mit seinen vielen Sprachen dieselbe Entwicklung nimmt, kann man heute nicht seriös vorhersagen. Schon beim Thema Reichweitenmessung hinken wir deutlich hinterher – und erst recht bei der Nutzung von firmeneigenen Branded Podcasts durch kommerzielle Kunden und Sponsoren. Stichwort: Sei die Botschaft, nicht die Unterbrechung. Da sind uns die Amis (vielleicht enthusiastisch, vielleicht visionär) deutlich voraus.

Zusammengefasst die wichtigsten Erkenntnisse und Botschaften aus Orlando:

1. Podcasts funktionieren nicht wie Radio. Podcasts funktionieren wie (Fach-)Zeitschriften.

2. Branded / Corporate (= von Firmen oder Institutionen gemachte) Podcasts sind ein großer Trend, und aus der Kommunikationsstrategie vieler amerikanischer Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

3. Die meisten Menschen (auch in den USA) kennen Podcasts (immer) noch nicht, geschweige denn haben sie schon mal einen angehört. Es ist noch immer sehr viel Potenzial im Markt. In Europa umso mehr.

4. Google wird alles ändern. Der Tag an dem die Google-Suche nicht nur Podcasts auch nach Audio-Inhalt findet, sondern immer auch gleich den Play-Button mit anbietet: dieser Tag wird eine neue Zeitrechnung einläuten.

5. Diejenigen die Podcasts in den letzten 6 Monaten für sich entdeckt haben (und nach wie vor dabei sind) nutzen Podcasts ganz anders als die alten Hasen, die schon seit Jahren Podcasts hören.

6. Mit Google (Creators Programme), Apple (iTunes raus, Apple Podcasts rein) und Spotify (Spotify for Podcasts) rufen drei der mächtigsten Weltkonzerne wegweisende Initiativen für Podcasts ins Leben.

7. Auch für erfahrenere Hörer ist die Podcast-Welt sehr unübersichtlich. Marketing und Auffindbarkeit sind daher für Podcasts (noch) wichtiger als für klassische Medien.

8. Bisher ein No-Go: Popmusik und Radiohits könnten 2020 in Podcasts auftauchen, zumindest in den USA. Und vielleicht dann auch bald in Europa. Vielleicht. Ein bisschen. Mal sehen.

9. Podcasts werden zu Mini-Medienmarken. Das bedeutet: Sie brauchen ein Logo, Farbenwelt, eine Website (ja, eine Website für einen Podcast), Marketingplan, Social Media-Strategie, und auch Partnerschaften. In den USA gibt es erste Firmen, die dem Podcaster dies alles sogar abnehmen und professionell erledigen.

10. Inhaltliche Ideen und Themen für Podcasts gibt’s wie Sand am Meer. Es gibt nichts was es nicht (oder besser: noch nicht) gibt. Stichwort: Klimaanlagentechniker. Das ist toll, aber niemand darf glauben, dass allein die gute Idee seinen Durchbruch sicherstellt.

11. Institutionell formiert sich in den USA ein Markt: Es gibt technische, beratende und handwerkliche Dienstleister für Podcaster, einen erstarkenden Wettbewerb aus Hosting- und Vermarktungsplattformen, und einige wilde Tech-StartUps mit disruptiven Ideen. Die Pubertät des Mediums ist fast da.

12. Mit „Podfund“ ist der erste, auf Podcasts spezialisierte Investmentfond auf dem Markt.

13. Die Bedeutung von Communities (Abomodelle mit exklusivem Content für zahlende Mitglieder) steigt für die Monetarisierung von Podcasts. Spezialisierte Firmen managen dies, wenn gewünscht, sehr professionell im Auftrag der Podcaster.

14. Podcasts werden zunehmend relevant für Aus- und Fortbildung (Medizin, Rechtsanwälte, technische Berufe) sowie für die interne Kommunikation in größeren Unternehmen.

Eines ist klar: Podcasting wird, obwohl nach wie vor viele Macher Geeks und Einzelkämpfer sind, langsam ein echtes Medium – mit ernsthafter Messung, sich etablierenden professionellen Strukturen, disruptiven Ansätzen und neuen Playern.

Beim „Podcast Movement“ werden die Teilnehmer, Referenten und Aussteller enthusiastisch bis aggressiv, wenn man Podcasting nach wie vor als Nischenthema bezeichnet. Rechnerisch stimmt das natürlich trotzdem, und de facto wird sich das wohl kaum komplett ändern. Das hat aber auch damit zu tun, dass das Zeitalter der Massenmedien wie wir sie aus dem letzten Jahrtausend kennen, in den nächsten Jahren zu Ende gehen wird.

Und doch wächst die Nische Podcast in den USA und auch in Europa messbar und überproportional an. Unstrittig ist, dass Podcasting auch in Deutschland erst ganz am Anfang steht. Die Mehrzahl der Macher sind Enthusiasten, Gründer und Entrepreneurs. Aber die in Orlando spürbare Professionlisierungswelle wird auch uns erreichen, und wer sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, tut dies sinnigerweise eher früher als später. Insbesondere als Unternehmen das davon lebt, seine eigene Kommunikation strategisch und operativ konsequent in der Hand zu haben.

Weitere Artikel

x

Um die Website optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies.